Jimi Hendrix

Love, Peace & Chaos

Fehmarn Open-Air

Jimi Hendrix 1970

Zuerst versank es im Dauerregen und dann ging es in Flammen auf.

In den Analen der Musikgeschichte steht das Love & Peace-Festival als Flop des Jahrhunderts. Doch die meisten der rund 25.000 Hippies und Rocker, die vom 4. bis 6. September 1970 auf die Ostseeinsel Fehmarn gepilgert waren, haben ganz andere Erinnerungen an dieses Wochenende.


.Woodstock war gerade in Amerika über die Bühne gegangen, dort hatten 400.000 Jugendliche ein dreitägiges Fest gefeiert mit mehreren Dutzend Bands. Das können wir auch, dachten sich drei Jungunternehmer aus Kiel, und planten eine Art deutsches Woodstock. Internationale Stars wie Ten Years After, Canned Heat, Mungo Jerry, Sly and the Family Stone, Taste, aber auch damals erfolgreiche nationale Größen wie Frumpy oder Floh de Cologne wurden engagiert, und als Superstar Jimi Hendrix! Sie alle sollten auf einem Acker vor dem Flügger Strand auf der Insel Fehmarn spielen.

Die drei Organisatoren gingen ans Werk, naiv oder einfach clever, wer weiß. Sie konnten mehrere der damals bekanntesten Bands verpflichten. Auch der "Rest" der Organisation "stand" irgendwann. Die Presse blieb skeptisch, die Fans jubelten. Sollten sie wirklich alle kommen? Sogar Superstar Jimi Hendrix? Das klang zunächst so unglaublich, daß die Macher schließlich sogar die Verträge in der Presse veröffentlichten.
Peace

Vom 4.-6. September 1970 fand das Festival statt, der Wetterbericht versprach einen sonnigen Spätsommer. Das wurde nun ganz und gar nicht eingehalten, es regnete und stürmte drei Tage lang, daß sich jeder nur wunderte, wieso alle trotzdem dablieben.

Niemand hatte Erfahrungen mit der Organisation eines Festivals dieser Größe. Die Leute kamen auf die Wiese, bauten Zelte auf, lagerten, campierten irgendwie, eine riesige, unorganisierte Zeltstadt entstand. Waschräume und Klos gab es zwar, auch Getränke und Verpflegung, aber von allem zu wenig. Die Leute vertrieben sich irgendwie die Zeit, Haschpfeifen kreisten, man harrte der Dinge. Und immer wenn eine Gruppe auftrat, war sowieso alles "love und peace".

Jimi HendrixNaß geregnet, in klammen Klamotten, und die Musik teilweise vom Winde verweht. So die äußeren Bedingungen. Egal, sagen Beteiligte, bekommen ein Leuchten in den Augen und schwärmen von einem nie dagewesenen Gemeinschaftsgefühl, daß sich während des Festivals entwickelt hätte. " Viel dope, viel Leerlauf, viel Regen, viel Spaß trotzdem", so zeigt es sich in der Erinnerung vieler.

Verbindend wirkte auch das gemeinsame Warten auf Jimi Hendrix. Und er kam auch tatsächlich. Die Kieler Nachrichten schrieben später: "Trotz Regen und Sturm: Jimi kam, und die Fans jubelten". Bis dahin mußte man sich aber lange in Geduld üben. Jimi spielte schließlich am Sonntag mittag, genau 75 Minuten lang, damit sogar eine Viertelstunde länger, als vertraglich vorgesehen.

Hendrix' Auftritt war der erhoffte Höhepunkt, aber kurze Zeit danach ging das Festival komplett den Bach hinunter. Die Organisatoren hatten ausgerechnet eine schlagkräftige Gruppe von Hamburger Rockern als Ordner angeheuert. Die kamen auch und gleich mit mehr Mann als vorgesehen und hatten ganz schnell das Kommando übernommen.

Als die Situation zu eskalieren drohte, konnten einige mit Geld und guten Worten wieder nach Hamburg zurückgeschickt werden. Die verbliebenen Rocker forderten am Sonntag ihren Lohn ein, den gab's aber nicht. Ein Gerücht machte schnell die Runde, nämlich daß die Organisatoren mit der Kasse verschwunden seien. Am Abend dann entlud sich die Rocker-Wut, sie brannten die Organisationszentrale ab. Damit war das Festival gelaufen, eigentlich hätte es noch bis Mitternacht gehen sollen.

Jimi HendrixDer "Spiegel" schrieb später als Resümee des Festivals: "Fehmarn wurde kein deutsches Woodstock ...", und "Es war ein Festival der Fehlplanungen, ein Stelldichein unfähiger Organisatoren, brutaler Ordner und einer apathischen Menge ...". Soweit die Meinung der Presse. In den Erinnerungen der Beteiligten dominieren ganz andere Eindrücke: eine grandiose, alles überbrückende Stimmung, entstanden aus dem gemeinsamen Dem-Wetter-Trotzen, dem Wunsch nach guter Musik und der Sehnsucht nach Love and Peace. Das mag der "Spiegel"-Redakteur mit apathisch verwechselt haben. Die drei Organisatoren waren am Ende hoch verschuldet, der Acker am Flügger Strand erholte sich irgendwann wieder, und auch auf Fehmarn ging das Leben weiter.

Tragischerweise verstarb der Protagonist dieses Festivals nur 12 Tage später in London, so wurde das Fehmarner Festival zu Jimi Hendrix' letztem Auftritt. Zur Erinnerung daran steht nun auf besagtem Festivalacker vor dem Flügger Strand ein Gedenkstein.
Und seit 1995 wird alljährlich im September ein Jimi-Hendrix-Revival-Festival durchgeführt, eine späte Versöhnung mit den damals skeptisch betrachteten "Hippies".


In der Presse kam das Festival denkbar schlecht weg. Von einem Chaos-Festival und einem Alptraum war die Rede und rein musikalisch betrachtet waren die Konzerte in der Tat eher dürftig. Der scharfe Ostseewind zerfetzte die Musik, so daß oft wenig zu hören blieb.

Fehmarn war ein Teil des Traums vom unreglementierten Leben. Allen Widrigkeiten zum Trotz war es gerade das Chaos, was die Botschaft der Anarchie verkündete. Alles war so herrlich unorganisiert, man wußte nicht, wie man das nächste Bier herbekommt oder wie man zur nächsten Toilette kommen sollte. Weil es allen so erging, entwickelte sich ein tolles Wir-Gefühl.

Alexis Korner übernahm die Moderation und bemühte sich die Pausen zu überbrücken, um die wartenden Fans bei Laune zu halten. Daß Jimi Hendrix dann tatsächlich kam, zwar nicht wie geplant am Samstag, sondern am Sonntag, versöhnte schließlich.

Anläßlich des 25-jährigen Jubiläums des "Love & Peace-Festivals" im Jahre 1995 erinnerte man sich nicht nur auf Fehmarn an dieses Festival. Spontan und ohne große finanzielle Unterstützung wurde das "1. Jimi-Hendrix-Revival-Festival" innerhalb von nur 18 Tagen organisiert. Die "Fehmarn Festival Group e. V. veranstaltet seitdem an jedem ersten Wochenende im September dieses Open-Air, welches inzwischen zu einem Mega-Event herangewachsen ist.

Das Fehmarn Open-Air ist mittlerweile für seine ausgesprochen harmonische und familiäre Atmosphäre bundesweit bekannt. Wurde 1995 noch mit 1.500 Besuchern gefeiert, so konnten im Jahr 1999 bereits mehr als 8.000 Fans aus dem gesamten Bundesgebiet gezählt werden.

Der Jimi Hendrix-Gedenkstein

Der 2,5 m hohe und 6,5 t schwere Findling ist mit folgender Inschrift versehen:
Jimi Hendrix Fehmarn Love & Peace Festival 4.-6. September 1970
Jimi Hendrix Gedenkstein In Flügge
Jimi Hendrix Gedenkstein In Flügge Jimi Hendrix Gedenkstein In Flügge

Darüber wurde im Maßstab 1 : 1 eine FenderGitarre vom Steinmetz Andreas Leverenz eingemeißelt. Dieser Gedenkstein hat im Frühsommer 1997 seinen endgültigen Platz am Flügger Strand in unmittelbarer Nähe des alten Festivalgeländes von 1970 gefunden.